40 Jahre NWKV - Dietmar Böcker

geschrieben von am 23.12.2021 in Kategorie News

Interview mit Dietmar Böcker, Kendo 5. Dan

Interview: Momo Giesen, Foto: © by Björn Uffermann

 

M: Seit wie vielen Jahren machst du Kendo?
D: Ich habe 1990 angefangen. Das war im Dortmunder Budo Sport Verein, also im BSV Dortmund. Der BSV Dortmund war auch ein Gründungsmitglied des NWKV.

M: Wie kamst du zum Kendo?
D: Ich habe in den 80er Jahren Kendo im Fernsehen gesehen, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Dann habe ich mich informiert, wo man die Sportart machen kann. Damals habe ich nur Wuppertal und Düsseldorf gefunden und das war mir zu weit. Und einige Zeit später - durch puren Zufall! – bin ich an einem Sportstudio in Dortmund vorbeigefahren und habe gesehen, dass man dort Kendo trainieren kann. Dann habe ich an einem Probetraining teilgenommen und dabei erfahren, dass es auch in Dortmund eine Kendogruppe gibt. Das war 1990. Damals gab es nur eine halbe Turnhalle für Kendo, leider! Ich weiß noch, ich habe Wochen nur Men-Schläge und Fußarbeit geübt- und das allein. Ich weiß auch noch, dass ich damals fast ein Jahr lang warten musste, bis ich in die Rüstung konnte.

„[…] jeder hat eine andere Philosophie, jeder hat andere Stärken. Wichtig ist es für mich, von allen Lehrern etwas mitnehmen zu können."

M: Jetzt wo du es sagst, wie groß war denn die Kendo-Community in den ersten Jahren, in denen Du angefangen hast? Wo hat man sich getroffen?
D: Im Dortmunder Verein waren zu der Zeit, in der ich angefangen habe, zehn Leute. Ich weiß, dass es in Bochum eine Sportschule gab, in Köln und natürlich in Düsseldorf. Düsseldorf war damals das Zentrum für Kendo. In den ersten Jahren habe ich es immer ‚Kendo-Pendeln‘ genannt, ich bin immer viel hin und her gefahren, damit ich viel mitnehmen konnte. Ich bin also von Kendo-Verein zu Kendo-Verein ‚gependelt‘. Denn jeder hat eine andere Philosophie, jeder hat andere Stärken. Wichtig ist es für mich, von allen Lehren etwas mitnehmen zu können.

M: Du sag mal, in Zeiten ohne Internet‘… wie hat man da eigentlich Kendo-Sachen bestellt?
D: Mein erster Trainer, Rolf Thum, hat dann immer einen Katalog für Kendo mitgebracht und wir haben eine Sammelbestellung nach Japan gemacht. Ich habe damals rund drei Monate auf einzelne Rüstungsteile warten müssen.


„[…] den eigenen Weg zu finden, das Individuelle - das gilt genauso wie im Leben auch beim Kendo.“

M: Hattest du ein Vorbild oder jemanden, dem Du viel zu verdanken hast?
D: Mir war immer wichtig, von allen Lehrern etwas mitnehmen zu können, jeder hat seine eigene, ganz individuelle Philosophie. Und jeder Mensch hat andere Stärken und Schwächen. Ich kann sagen, dass es drei Menschen gibt, die mir bei meinem Kendo sehr geholfen haben. Rolf Thum, er war auch einer von denen, die das NRW Kendo gegründet hat. Detlef Viebranz, ihm habe ich durch jahrelangen Kontakt und Austausch viel zu verdanken, er hat mir sehr viel gezeigt. Sato Nariaki, wir haben uns häufig gesehen. Ich habe viele Hinweise und Lehren bekommen, wir kennen uns schon seit vielen Jahren.

„Ich finde es schön, dass durch Kendo so viele Nationen zusammenkommen und gemeinsam und miteinander trainieren. Man findet viele Gemeinsamkeiten und sieht, dass alles gleich ist.“

M: Was war denn ein Kendo-Moment, an den Du Dich besonders gut erinnern kannst?
D: Puh, das sind einige. Ich habe 2007 zum Beispiel mal eine Woche lang in Kitamoto trainieren können, ich habe dort sehr wichtige und interessante Erfahrungen sammeln können. Sato Nariaki war damals Haupttrainer und hat mir viel geholfen. Er hat mich in Kitamoto sogar auf Deutsch begrüßt. Er war mein Ansprechpartner damals vor Ort und auch noch heute für jegliche Tipps und ähnliches. Seine Tochter Sato Masajo war auch ein Jahr bei Sigrun Caspary an der Universität. Wir haben neben Kendo viel unternommen, sind zum Beispiel zum Fußball gegangen. Man hat sich angefreundet, auch über Kendo hinaus hält man den persönlichen Kontakt. Das finde ich an der Kendo-Community auch so positiv. Ich finde es schön, dass durch Kendo so viele Nationen zusammenkommen und gemeinsam und miteinander trainieren. Man findet viele Gemeinsamkeiten und sieht, dass alles gleich ist. Ich war auch mit Thorsten Mesenholl in Japan, uns wurde viel erklärt und gezeigt. Wir trafen Sato Nariaki dort und sind mit ihm zum Frühtrainig in Kyoto gewesen. Mit Freunden sind wir auch noch das eine und andere mal zum Training gegangen.

M: Hast du vielleicht auch einen Moment, der Dich nachhaltig beeindruckt hat?
D: Wir hatten einmal eine Japanerin im Verein in Dortmund. Sie hat seit etwa 25 Jahren kein Kendo Training mehr gemacht. Sie war vielleicht fünf – sechs Mal da und hat danach einfach auf dem gleichen Niveau trainiert, wie sie es vor ihrer Pause gemacht hat. Das fand ich sehr beeindruckend. Sie sagte, es sei wie Fahrrad fahren - das verlernt man einfach nicht.

M: Hattest Du schon mal eine "Kendo-Krise" und vielleicht pausieren müssen durch eine Verletzung?
D: Nun, momentan durch Corona habe ich eine lange Pause machen müssen. Ich hatte aber auch schon ein paar Verletzungen, durch die ich pausieren musste, aber ich habe nie aufgehört. Einmal musste ich drei Monate pausieren, weil ich einen Meniskusriss hatte. Ich hatte auch mehrmals starke Schmerzen in meiner Achillessehne.

"Man sollte auf jeden Fall nicht den Spaß verlieren, denn dadurch verliert man auch an Leistung, man wird nicht besser, man kann nicht besser werden. Es soll Spaß machen, damit man auch gerne zum Training geht."

M: Was hat Dir dabei geholfen weiterzumachen?
D: Kendo hat mir immer Spaß gemacht. Es ist für mich nicht nur ein Sport. Es verbindet für mich Körper, Geist und Seele, wenn man gut trainiert hat. Wichtig ist es auch, einfach immerweiterzumachen und sein eigenes, individuelles Kendo zu finden. Wie beispielsweise bei den Men-Schlägen, gleichzeitig Schlagschärfe zu haben, aber auch die Lockerheit nicht zu verlieren. Es hilft auch nach links und rechts zu schauen, was machen Andere, was kann man selbst umsetzen - auch wenn es nicht immer klappt und man nicht alles umsetzen kann! Man sollte auf jeden Fall nicht den Spaß verlieren, denn dadurch verliert man auch an Leistung, man wird nicht besser, man kann nicht besser werden. Es soll Spaß machen, damit man auch gerne zum Training geht. Jeder sollte für sich schauen, was für einen wichtig ist und sich vielleicht auch das ein oder andere bei einem Kendoka abgucken.

„Kendo ist nicht nur Sport für mich, es ist auch ein Ausgleich für Körper und Geist. Kendo mit Intensität zu trainieren, […] das ist für mich sehr essenziell. Kendo ist für mich wie eine Lebensphilosophie. Kendo kann man mit nach Hause nehmen und in den Alltag übertragen.“

M: Was möchtest du Kendoka mit auf den Weg geben? Hast du vielleicht Tipps?
D: Meiner Meinung nach muss jede:r den eigenen Kendo–Weg finden. Man sollte nichts gezwungen machen, und wie gesagt, nicht den Spaß verlieren. Kendo ist nicht nur Sport für mich, es ist auch ein Ausgleich für Körper und Geist. Kendo mit Intensität zu trainieren, 'voll dabei zu sein' - das ist für mich sehr essenziell. Kendo ist für mich wie eine Lebensphilosophie. Kendo kann man mit nach Hause nehmen und in den Alltag übertragen.

M: Wie trainierst du so? Wie sieht dein Training momentan aus?
D: Ich sehe momentan leider zu wenig Möglichkeiten, als Trainer selbst mitzutrainieren. Man muss sich auch auf die Gruppe einstellen. Entweder man trainiert mit oder man erklärt. Man kann bei den Techniken und beim Zugucken natürlich viel lernen. Manchmal kann man auch mit Rüstung mittrainieren, oder man stellt sich an die Seite, um andere zu coachen.

M: Wie gestaltest du dein eigenes, persönliches Training? Nimmst du dir einzelne Sachen vor?
D: Lehrgänge sind für mich sehr wichtig, um sich weiter entwickeln zu können. Auf der einen Seite als Trainer oder auf der anderen Seite als Trainierende:r. Manchmal muss man sich aber auch die Möglichkeit schaffen, sich mal nur auf sich und sein eigenes Training konzentrieren zu können. Ich nehme mir einzelne Sachen vor, um genauer, konzentrierter trainieren zu können und das dann zu üben und umsetzen zu können. Nach dem Training lasse ich dann alles noch einmal Revue passieren und reflektiere es. Ich suche mir vor dem Training eine Sache raus, gehe danach dann in mich und überlege mir, wie es für mich lief und gehe zum Trainer und frage nach, was ich gegebenenfalls verändern kann, was noch nicht perfekt lief und hole mir natürlich auch Tipps ab. Man muss nicht immer alles perfekt machen, das meiste funktioniert auf Anhieb nicht sofort, aber die Regelmäßigkeit und den Spaß am Training nicht zu verlieren bringen weiter! Man sollte mit Spaß dabei sein und nicht immer zu ernst sein.

M: Danke für das ausführliche Interview!
D: Gerne

zuletzt aktualisiert: 01.06.2022 » zurück zu Aktuelles